Weinlese im Jahre 1827

Weinlese am Steinauer Weinberg im Jahre 1827

Ein wenig Wohlstand, eine gewisse Behaglichkeit des Lebens und Verkehrs hängt in Steinau ab von dem günstigen Ausfall der Weinernte. Daher beginnt im Spätherbst, der eigentlichen Erntezeit im Kinzigtal, hier ein doppeltes Leben, ja sogar eine neue Zeitrechnung. Besonders in diesem Jahr hoffen die Winzer nach dem Neubeginn mit dem Weinanbau in 1820 endlich eine besonders gute Ernte einbringen zu können.aa

Zeigen sich die Traubenstiele trocken und verholzt, lässt die Traube sich leicht von der Rebe ablösen, sind die Kerne hart, die Beerenhülsen leicht und durchsichtig geworden, so ist die Lesezeit gekommen. Durch den Ausscheller wird dann verkündigt, an welchem Tage die gemeinsame Lese beginnen kann. Bis zu diesem Augenblick sind die Weinberge, mit Ausnahme der großen Besitzungen des Hundsrücks, für die ganze Einwohnerschaft geschlossen. Verhaue und Hecken versperren die Zugänge. Eindringlinge werden durch den Feldschützen Dingfest gemacht und mit Geldstrafen belegt. Es geschieht um der gegenseitigen Sicherheit willen. Wie der Tag des Lesebeginns, so wird auch der Tag des Weinbergschlusses amtlich von der Stadtverwaltung bestimmt. Und nun:

„Marschiert hinaus mit Mann und Maus,

mit Kübeln und Bütten! Das Haus verlässt

selbst Kind und Kegel beim Lesefest.“

Vielstimmiger Gesang der Weinbauern, Winzerinnen, Mägde und Knechte tönt Richtung Süden. Auf all den holprigen Wegen, die aus vielen Richtungen zum Weinberg führen, herrscht reges Treiben. Mostwagen und Winzer mit Kannen und Bütten ziehen rastlos hin und her. 

Wir treten nun in den Weinberg. Eine Gruppe fröhlicher Mädchen, Frauen und Kinder, die in der Lese rüstig Hand anlegen, empfängt uns. Ein Blick hinunter auf das herrliche Kinzigtal, auf die Stadt an des Reiches Straße mit seinem alles überragenden Schlossturm,  in der Herbstsonne glänzend – einfach wunderschön. Dem stehen die frischen, heiteren Gesichter der Winzerinnen nicht nach.

Vor uns, auf dem terrassenförmig leicht anstrebenden Hügel, in fast peinlicher Ordnung und in gleichmäßiger Entfernung voneinander, stehen die Weinstöcke, schon halb der rauen Witterung ihren Zoll entrichtend. Zum Teil haben sie das Saftgrün ihres Blätterschmuckes mit  einem satten Gelb vertauscht. Über den Weinbergen zeigen sich die Bäume mit ihrem Blattwerk in den schönsten Farben. Von Grün, braun, rot, über Ocker und in vielen Gelbtönen schmücken sie den Herbstwald.

Eine der Winzerinnen kommt uns entgegen und reinigt uns mit Weinblättern die Stiefel, eine Sitte, die sich, übernommen von den rheinischen Weinbergen, jeder Besucher gefallen lassen muss. Eine kleine Anerkennung in Form von ein paar klingenden Münzen scheucht sie hinweg und mit fröhlichem Gelächter wieder an die Lese. Von dem Jubel der Neckenden begleitet wandern wir weiter zum Wilhelmsberg. Förster Strohmeier und Obergerichtsanwalt Harz war es genehmigt worden, ihre Wingerte zu Ehren des Kurfürsten „Wilhelmsberg“ zu nennen.

Hier haben bereits die Musikanten  Aufstellung genommen. Sie sind schon am frühen Morgen mit Musik auf den Weinberg zum Wilhelmsberg gezogen und empfangen uns jetzt mit Pauken und Trompeten. Wir alle stimmen in den Choral mit ein: “Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen“. Die Weinbauern werden von uns hochleben lassen und zu Ehren der Herrschaften dürfen die Schützen mehrere Salven Böllerschüsse in den blauen Himmel abfeuern.Steinau an der Straße 001

Aus der Nachbarschaft kommen Weinbergbesitzer, kosten und prüfen Trauben und Most.  Unter ihnen befinden sich auch Bürgermeister Johann Pauli und Apotheker Cassebeer aus Gelnhausen, ein kompetenter  Berater bei der Neuanlage der Steinauer Weinberge. Der Apotheker spricht mit Überzeugung von einem guten, ertragreichen Weinjahr, waren doch im Kinzigtal die gelegentlichen Nebelbildungen und wechselnden Temperaturen des Spätsommers für die Zuckerbildung sehr  gut dienlich.

An den fahrbaren Mostwagen stehen große Bottiche, in die der Inhalt, der sogenannte Lägel entleert wird. Diese sind unten spitz zulaufende, oben breitere Holzbütten, die an zwei festen Lederriemen auf dem Rücken getragen werden und etwa 90 bis hundert Pfund Trauben fassen. Mit Pferde-, Ochsen- und Kuhgespannen werden diese schweren Lasten hinunter in die Stadt zum Keltern gezogen.

Gegen Abend ertönen aus dem Städtchen vom Schlossturm Flintenschüsse herüber zum Zeichen, dass das Lesegeschäft für heute beendet ist. Aus der Ferne ertönt das vertraute Glockengeläut der Katharinenkirche.

Die Weingärten bleiben die Nacht über, vom Feldschütz bewacht, geschlossen.

Morgens um sieben Uhr wird zur Öffnung der Wingerte und zum Schluss, abends gegen sechs Uhr vom Schlossturm das Zeichen mit Flintenschüssen des Türmers und Glockengeläut gegeben. Wenn dann die Gespanne den Lägel heimwärts ziehen, dann folgen die Winzerinnen und Winzer den Gefährten mit fröhlichem Gesang. Und wenn dann noch die Abendglocken der Steinauer Kirchen weich  in den Gesang hinein hallen, so erscheint es selbstverständlich, dass der Wein so manches Lied aus sinnendem, dichtendem Menschengemüte loslöst; begleiten doch Gesang und Klang ihn auf seinem ersten Weg vom Weinberg zum Kelterhaus.

Wilhelm Heinrich Riehl